Sphärische Abberation ist ein Linsenfehler, bei dem Lichtstrahlen, die durch den Randbereich einer sphärisch gekrümmten Linse fallen, einen anderen Brennpunkt haben als Strahlen durch das Zentrum – das Ergebnis sind kreisförmig unscharfe Bildanteile, sogenannter Glüh-Glow bei offener Blende. Sie tritt bei praktisch jeder sphärischen Linse auf und wird durch asphärische Linsenelemente, Abblenden oder softwareseitige Korrektur behoben. Kontrolliert eingesetzt erzeugt sie das charakteristische «Leica-Glow»-Portätlicht.
| Fachbegriff englisch | Spherical aberration (SA) |
|---|---|
| Ursache | unterschiedliche Brechung durch Linsenrand und Zentrum |
| Wirkung | Schärfeverlust, Kontrastminderung, Glüh-Glow bei offener Blende |
| Verstärkt durch | grossflächige Öffnung (kleine f-Zahl), Randstrahlen |
| Reduziert durch | Abblenden, asphärische Linsen, LD/ED-Glas |
| Korrektur in Software | Lightroom, Capture One: Objektivprofile, Schärfe gezielt anpassen |
Wer ein lichtstarkes Objektiv bei f/1.4 öffnet, kennt das Phänomen: Das Bild wirkt leicht «weich», hat einen zarten Glüh-Effekt um Kontrastkanten, und die Spitzenschärfe fehlt. Das ist sphärische Abberation. Sie verschwindet grösstenteils, wenn du auf f/2.8 oder f/4 abblendet. Wer das Gesetz versteht, weiss, wann er abblenden muss – und wann er den Effekt bewusst nutzt.
Die Physik: Warum Randstrahlen anders brechen
Eine sphärische Linsenoberfläche (Kugelabschnitt) ist aus fertigungstechnischen Gründen die Standardform. Das Problem: Das Snellius’sche Brechungsgesetz gilt für jeden Strahl individuell – und Strahlen am Linsenrand treffen unter einem anderen Winkel auf als Strahlen in der Mitte. Das Resultat: Randstrahlen werden stärker gebrochen und haben einen kürzeren Brennpunkt als Mittelstrahlen. Die Differenz dieser Brennpunkte heisst longitudinale sphärische Abberation. Wo der Sensor liegt, bestimmt, welche Strahlengruppe scharf ist – und welche als Unschärfering (Glüh-Halo) erscheint.
Auswirkungen auf das Bild
Schärfeverlust und Glow bei offener Blende
Bei grosser Blendenöffnung trägt der Randbereich der Linse viel Licht zum Bild bei – inklusive der falsch fokussierten Strahlen. Das erzeugt den typischen «Glow»: weiche Konturen, leuchtende Glanzlichter, traumhafter aber unscharfer Charakter. Einige Vintage-Objektive und Leica-Linsen sind für diesen Effekt bekannt und geschätzt.
Kontrastverlust und Heiligenschein
Sphärische Abberation senkt den Kontrast im gesamten Bild, weil Schärfe und Unschärfe überlagert werden. An hellen Kanten erscheint ein Heiligenschein (Halo). Bei weichem Hintergrundlicht erzeugt das charakteristisches Bokeh mit hellen Ringen (bei positiver SA) oder weichen Scheibchen (negative SA).
Korrekturmethoden
Abblenden
Die effektivste Methode: Bei f/4–f/8 werden Randstrahlen vom Blendenlamellen abgeschnitten. Das Bild wird schärfer, weil nur noch die gut fokussierten Mittelstrahlen beitragen. Deshalb erreichen die meisten Objektive ihr Schärfeoptimum bei f/5.6–f/8.
Asphärische Linsenelemente
Asphärische Linsen haben eine nicht-kugelförmige Oberfläche, die mathematisch so berechnet ist, dass alle Strahlen denselben Brennpunkt treffen. Moderne Objektive integrieren ein oder mehrere asphärische Elemente – erkennbar am Kürzel «ASP» oder «AS» in der Objektivbezeichnung.
Softwarekorrektur
Adobe Lightroom und Capture One wenden bei aktivierten Objektivprofilen eine Korrektur sphärischer Abberation an. Die Wirkung ist begrenzt, weil Schärfeverlust durch Überlagerung nicht vollständig zurückzugewinnen ist – aber Glow und Kontrastverlust lassen sich verbessern.
Sphärische Abberation kreativ nutzen
Nicht immer ist SA ein Fehler. Porträtfotografen schätzen alte Heliar- oder Petzval-Konstruktionen wegen ihrer charakteristischen Weichzeichnung. Modernes Beispiel: Das Lensbaby-System setzt gezielt SA für Soft-Focus-Effekte ein. Auch bei offenblendigen Aufnahmen bei Kerzenlicht kann der Glow stimmungsvoll sein – Kontrolle entscheidet.
Häufige Fragen
Wie erkenne ich sphärische Abberation in meinen Fotos?
Ist sphärische Abberation dasselbe wie chromatische Abberation?
Nein. Sphärische Abberation entsteht durch unterschiedliche Brennpunkte verschiedener Strahlen derselben Farbe (Wellenlänge). Chromatische Abberation entsteht, weil verschiedene Farben/Wellenlängen unterschiedlich stark gebrochen werden und verschiedene Brennpunkte haben – sichtbar als Farbfransen.
Ist sphärische Abberation immer negativ?
Nein. In der Porträtfotografie kann sie schmeichelnde Weichzeichnung erzeugen. Einige Fotografen suchen gezielt alte Konstruktionen mit SA. Der Unterschied ist die Kontrolle: Ungewollte SA ist ein Fehler; bewusst eingesetzte SA ist ein Stilmittel.
Welche Objektive haben wenig sphärische Abberation?
Moderne lichtstarke Objektive mit asphärischen Elementen (z. B. Sony FE 50mm f/1.2 GM, Sigma Art-Serie) haben SA auf ein Minimum reduziert. Ältere Konstruktionen ohne Asphären (z. B. Canon FD 50mm f/1.4) zeigen bei offener Blende deutlich mehr SA.
Kann Software sphärische Abberation vollständig korrigieren?
Nein vollständig. Softwareprofile können Glow und Kontrastverlust reduzieren, aber echten Schärfeverlust durch Überlagerung nicht zurückgewinnen. Physikalische Korrekturen (asphärische Linsen, Abblenden) sind effektiver.
Was ist der Unterschied zwischen SA und Koma?
Koma ist ein verwandter Linsenfehler, bei dem Randstrahlen punktförmige Motive nicht als Punkt, sondern als komet-artigen Schleif abbilden – besonders auffällig bei Sternen in der Astrofotografie. SA betrifft alle Bildbereiche; Koma ist ausgeprägter an den Bildrändern.
Fazit
Sphärische Abberation ist der häufigste Linsenfehler und gleichzeitig einer der bekanntesten optischen Charakterzüge von Objektiven. Wer versteht, wann sie auftritt und wie sie sich zeigt, entscheidet bewusst: abblenden für maximale Schärfe oder offen fotografieren für den charakteristischen Glow. Beide Entscheidungen können richtig sein – es kommt auf das Bild an.
Quellen
- Sidney F. Ray: Applied Photographic Optics, 3. Aufl. – Sphärische Abberation und Linsenkonstruktion.
- Rudolf Kingslake: Lens Design Fundamentals – Aberrationstheorie, asphärische Korrekturen.
- ISO 10110-5 – Optics and photonics – Tolerances for optical aberrations.
Redaktioneller Glossar-Beitrag von sinar.ch · zuletzt geprüft 2026.
