Entzerren (Engl. «distortion correction» oder «lens correction») bezeichnet den Prozess, bei dem optische Verzerrungen aus einem Bild entfernt werden, die durch die Objektivkonstruktion, den Aufnahmewinkel oder den Sensor entstanden sind. Das Ziel: gerade Linien erscheinen gerade, Proportionen stimmen, und das Bild zeigt die Wirklichkeit so, wie das Auge sie wahrgenommen hätte.
| Tonnenverzerrung | Ränder wölben sich nach aussen (typisch: Weitwinkel) |
|---|---|
| Kissenverzerrung | Ränder wölben sich nach innen (typisch: Tele, Zoom-Tele-Ende) |
| Perspektivverzerrung | stürzende Linien durch Kameraneigung |
| Werkzeuge | Lightroom, Capture One, Photoshop, DxO PhotoLab |
| Automatisch | Objektiv-Korrekturprofile (Adobe Lens Profile, Lenstag) |
| Optische Alternative | Shiftobjektiv (perspektivisch ohne Qualitätsverlust) |
Nahezu jedes Objektiv verzerrt das Bild leicht. Das ist physikalisch unvermeidlich: Je kürzer die Brennweite, desto stärker die Wölbung. Hochwertige Objektive minimieren die Verzerrung optisch; günstigere Zooms verlassen sich auf die Software-Korrektur. Kamerahersteller wie Sony und Canon speichern Korrekturprofile direkt in den JPEG-Prozessor – du siehst die Verzerrung oft nie. Im RAW-Format liegt die Rohdatei jedoch unkorrigiert vor.
Arten der Verzerrung
Geometrische Verzerrungen
- Tonnenverzerrung (Barrel Distortion): Gerade Linien biegen sich nach aussen, als würden sie um eine Tonne gewickelt. Klassisch bei Weitwinkelobjektiven und beim Weitwinkelende von Zooms.
- Kissenverzerrung (Pincushion Distortion): Gerade Linien biegen sich nach innen. Tritt bei Teleobjektiven und am Teleende von Zooms auf.
- Mustache/Wellenverzerrung: Kombination aus beiden – Tonne in der Mitte, Kissen an den Rändern. Schwierig zu korrigieren.
Perspektivverzerrung
Perspektivverzerrung ist kein Objektivfehler, sondern eine Folge des Aufnahmewinkels: Wenn du die Kamera nach oben neigst, laufen Vertikalen zusammen (stürzende Linien). Das korrigierst du mit der Transformations-Funktion in Lightroom (Vertikal/Horizontal) oder mit einem Shiftobjektiv. Mehr dazu unter Shiftobjektiv.
Entzerren in der Software
Automatische Objektiv-Korrekttur
In Adobe Lightroom und Capture One aktivierst du unter «Objektivkorrekturen» das automatische Korrekturprofil für dein Objektiv. Die Software liest die EXIF-Daten und wendet ein hinterlegtes Verzerrungsprofil an. Das funktioniert sehr zuverlässig für gängige Markenobjektive; für exotische oder ältere Objektive musst du das Profil manuell einstellen oder ein Drittanbieter-Profil (DxO) laden.
Manuelle Perspektivkorrektur
Das Transformations-Panel in Lightroom bietet Schieberegler für vertikale und horizontale Perspektive. «Guided» erkennt automatisch Linien, die du als Referenz markierst, und korrigiert entsprechend. Photoshops «Perspektive zuschneiden» und «Adaptive Weitwinkel»-Filter bieten noch mehr Kontrolle für komplexe Fälle.
DxO PhotoLab und Raw Therapee
DxO PhotoLab nutzt hochpräzise, im Labor gemessene Linsenprofile. Die Korrekturen sind oft exakter als die Adobe-Profile, besonders für Randschärfe und Vignettierungskorrektur. Für Open-Source-Fans bietet Raw Therapee ebenfalls Lensfun-basierte Korrekturen.
Wann nicht entzerren?
Nicht jede Verzerrung ist ein Fehler. Das Fisheye-Objektiv verzerrt stark und bewusst – es ist ein Stilmittel. Stürzende Linien in der Architektur wirken dramatisch und können kreativ eingesetzt werden. Entzerren ist eine Entscheidung: Willst du dokumentarische Genauigkeit oder expressiven Charakter?
Häufige Fragen
Entzerrt die Kamera bereits beim JPEG-Speichern?
Ja, die meisten Systemkameras (Sony, Canon R, Nikon Z, Fujifilm) wenden Objektivkorrekturen automatisch auf JPEGs an. Im RAW-Format sind die Korrekturen nur als Metadaten hinterlegt und werden erst beim Öffnen in der Software angewendet – du kannst sie abschalten oder anpassen.
Verliere ich Bildqualität durch die Entzerrung?
Wie korrigiere ich stürzende Linien in Lightroom?
Transformations-Panel öffnen → «Vertikal» Schieberegler oder «Guided» auswählen → zwei vertikale Referenzlinien im Bild ziehen (z. B. Fenster- oder Türrahmen) → Lightroom korrigiert automatisch und beschneidet die entstehenden weissen Ränder.
Was ist der Unterschied zwischen Entzerren und Sharpen?
Entzerren korrigiert geometrische Fehler (Form des Bildes). Sharpening (Schärfung) verstärkt Kontraste an Kanten, um das optische Blur des Objektivs zu kompensieren. Beides ist unabhängig voneinander.
Kann ich Kissen- und Tonnenverzerrung im selben Bild haben?
Ja – das ist die Mustache- (Wellenform-)Verzerrung. Sie tritt bei einigen Standardzooms auf und lässt sich nicht vollständig mit einem einzigen Schieberegler korrigieren. DxO PhotoLab mit Laborprofil oder manuelle Keystone-Korrektur in Photoshop sind dann die besseren Werkzeuge.
Fazit
Entzerren ist in der modernen Workflow-Praxis fast automatisiert – aktiviere das Objektiv-Korrekturprofil und Lightroom erledigt den Rest. Für Architekturphotografie und anspruchsvolle Geradlinigkeitsanforderungen lohnt sich das Shiftobjektiv oder die manuelle Guided-Transform-Korrektur. Wichtig: Entzerren immer als erster Bearbeitungsschritt, bevor du Beschnitt oder Retusche vornimmst.
Quellen
- Roger Clark, DxOMark: Lens Distortion Testing Methodology – Messung und Klassifikation von Objektivverzerrungen.
- Sidney F. Ray: Applied Photographic Optics, 3. Aufl. – geometrische Aberrationen und Korrekturansätze.
- ISO 15529 – Norm für die Messung optischer Eigenschaften von Kamerasystemen (Verzeichnung).
Redaktioneller Glossar-Beitrag von sinar.ch · zuletzt geprüft 2026.
