Infrarotindex

Kurze Antwort

Der Infrarotindex (IR-Index) ist ein Messwert, der beschreibt, wie weit der Fokuspunkt eines Objektivs bei Infrarotlicht gegenüber sichtbarem Licht verschoben werden muss, um scharfe Aufnahmen zu erhalten. Infrarotlicht wird vom Glas anders gebrochen als sichtbares Licht – der IR-Fokusversatz ist objektivabhängig und muss bei der manuellen Infrarotfotografie berücksichtigt werden. Viele ältere Objektive tragen dafür einen roten IR-Markierungsstrich auf der Fokussierskala.

Infrarotindex auf einen Blick
Was er misst Fokusversatz bei Infrarotstrahlung gegenüber sichtbarem Licht
Warum nötig IR-Licht wird im Glas anders gebrochen (längere Wellenlänge → andere Brechzahl)
Erkennbar an Rotem IR-Markierungsstrich auf Fokussierskalen älterer Objektive
IR-Wellenlängen Nahinfrarot (NIR) 700–1400 nm; Fotografie meist 720–850 nm
Kameraseite IR-Sperrfilter (OLPF) vor dem Sensor blockiert IR; Umrüstung entfernt diesen
Typischer Filter Hoya R72 (720 nm), Heliopan 715, B+W 093 (830 nm)
Wirkung im Bild Laubbäume weiss, Himmel dunkel, Haut glatt – surreales Schwarzweiss

Die meisten Fotografen kennen Infrarotfotografie als den «Wood-Effekt»: Laubbäume erscheinen strahlend weiss, der Himmel fast schwarz, Haut ätherisch glatt. Das entsteht, weil Chlorophyll Infrarotlicht stark reflektiert und blauer Himmel es kaum tut. Der Infrarotindex ist dabei das technische Detailwissen, das scharfe Bilder ermöglicht – besonders wichtig, wenn du ältere Objektive manuell fokussierst.

Warum entsteht ein Fokusversatz bei Infrarot?

Alle Glassorten haben eine wellenlängenabhängige Brechzahl (Dispersion). Sichtbares Licht (400–700 nm) und Infrarotlicht (700 nm+) werden unterschiedlich stark gebrochen. Das bedeutet: Wenn du auf 3 m manuell fokussiert hast (für sichtbares Licht), liegt der tatsächliche IR-Fokuspunkt leicht dahinter. Je nach Objektivkonstruktion beträgt der Versatz nur wenige Zentimeter bis über einen Meter bei Teleobjektiven. Bei stark abgeblendeten Aufnahmen (f/11–f/16) wird der Versatz durch die grosse Schärfentiefe kompensiert – das ist der einfachste Umgang damit in der Praxis.

5 m3 m1,5 mMFDsichtbarIR (720 nm)Versatz(objektivabhängig, ~ca. 10–30 cm bei 3 m)
Der IR-Fokusversatz: Fokussierst du auf 3 m für sichtbares Licht, liegt der IR-Fokuspunkt bei ca. 3,1–3,3 m. Der rote Strich auf der Fokussierskala zeigt, wie weit nachzukorrigieren ist.

Der rote IR-Strich auf der Fokussierskala

Ältere Festbrennweiten und manche moderne Manuell-Objektive tragen auf der Fokusring-Skala einen roten Punkt oder Strich – den IR-Index. Das Prinzip: Du fokussierst wie üblich visuell, liest dann den Abstandswert ab und bewegst den Fokusring so, dass dieser Abstand auf dem IR-Strich steht statt auf dem Hauptstrich. Das kompensiert den Versatz ohne Messung. Bei modernen AF-Objektiven ohne diesen Strich musst du den Versatz schätzen oder durch Blenden kompensieren.

Infrarotfotografie in der Praxis: Was du brauchst

Ausrüstung

  • IR-Sperrfilter auf dem Objektiv: Blockiert sichtbares Licht, lässt nur Infrarot durch. Typisch: Hoya R72 (720 nm Cutoff). Nachteil: extrem lange Belichtungszeiten (Sekunden bis Minuten), da fast kein Licht durchkommt.
  • Umgerüstete Kamera: Der IR-Sperrfilter (OLPF) vor dem Sensor wird entfernt. Ergebnis: normale Belichtungszeiten, volle AF-Funktion. Nachteil: die Kamera kann kein normales Foto mehr machen.
  • Stativ: Bei Filternutzung unverzichtbar wegen langer Belichtungszeiten.

Typische Effekte im IR-Bild

  • Laubbäume, Gras: strahlend hell bis weiss (hohe IR-Reflexion durch Chlorophyll).
  • Blauer Himmel: sehr dunkel bis schwarz (kaum IR-Reflexion).
  • Haut: glatt und hell, Venen und Adern verschwinden.
  • Wasser: dunkel und transparent wirkend.
  • Steine, Sand: neutral bis leicht heller als normal.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen 720 nm und 850 nm IR-Filter?

720 nm lässt noch einen kleinen Teil tiefes Rot durch – die Bilder haben einen Rotschleier, der in der Nachbearbeitung zu warmem IR-Schwarz-Weiss umgewandelt wird. 850 nm filtert schärfer und liefert reinere IR-Ergebnisse direkt, aber noch längere Belichtungszeiten. Für den Einstieg ist 720 nm gängiger.

Wie gross ist der Fokusversatz typischerweise?

Sehr unterschiedlich: bei Weitwinkelobjektiven (24 mm) oft vernachlässigbar bei f/11; bei Teleobjektiven (200 mm) kann er mehrere Meter betragen und muss aktiv korrigiert werden. Im Zweifel: stark abblenden (f/11–f/16) und damit in die tiefe Schärfentiefe fallen.

Kann ich IR-Fotografie mit modernen AF-Kameras machen?

Ja, per Aufsteckfilter und Live-View-Fokussierung. Moderne EVIL-Kameras (spiegellose) haben oft weniger starke IR-Sperrfilter als ältere DSLRs und sind deshalb empfindlicher für IR – ohne Umbau nutzbar. Teste deine Kamera mit einer TV-Fernbedienung: halte sie vor das Objektiv, sieh in Live-View, ob du die IR-LED leuchten siehst.

Brauche ich Software-Korrekturen nach der IR-Aufnahme?

Immer. IR-Farbroh-Bilder sind meist rotviolett. Ein Kanalwechsel (Rot- und Blaukanal tauschen) in Photoshop oder ein manueller Weissabgleich in Lightroom bringt den charakteristischen blauen Himmel / weissen Wald-Look. Erst danach kannst du in richtiges Schwarzweiss konvertieren oder den Farbtonauszug kreativ gestalten.

Schadet Infrarotfotografie dem Sensor?

Nein, normales nahes Infrarotlicht (700–1400 nm) schädigt den CMOS-Sensor nicht. Gefährlich wäre nur das direkte Fotografieren in die Sonne ohne Filter – das gilt aber für normale Fotografie genauso.

Fazit

Der Infrarotindex ist das technische Fundament, das scharfe IR-Aufnahmen mit manuellen Objektiven ermöglicht. In der Praxis löst starkes Abblenden das Fokusversatz-Problem ohne Kompromisse. Die eigentliche Faszination der Infrarotfotografie liegt aber im Bildeffekt: eine Welt, die das menschliche Auge nie sieht, in surrealen Kontrasten und ätherischen Weisslichtern. Einmal ausprobiert, bleibt kaum jemand unbegeistert.

Quellen

  1. Sidney F. Ray: Applied Photographic Optics, 3. Aufl. – IR-Dispersion und Fokusversatz.
  2. L. Stroebel / R. Zakia: The Focal Encyclopedia of Photography – Infrarotfotografie, IR-Filter.
  3. ISO 12231 – Definitionen für bildgebende Systeme und Spektralbereiche.

Redaktioneller Glossar-Beitrag von sinar.ch · zuletzt geprüft 2026.

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