Der Spiegelvoranschlag (SVA) ist eine Kamerafunktion bei Spiegelreflexkameras, die den Spiegel vor dem eigentlichen Auslösen hochklappt, um Erschütterungen durch die Spiegelbewegung zu vermeiden. Zwischen Spiegelanheben und Verschlussöffnung liegt eine kurze Wartezeit (meist 0,5–2 s), in der die Kamera zur Ruhe kommen kann. Das eliminiert die sogenannte Spiegelbewegungsunschärfe – einen typischen Fehler bei langen Belichtungszeiten auf einem Stativ.
| Auch genannt | Mirror Lock-Up (MLU), Spiegelvorauslösung |
|---|---|
| Kameratyp | DSLR (Spiegelreflexkamera) – bei spiegellosen Kameras irrelevant |
| Wartezeit | 0,5 s bis 2 s nach Spiegelanheben, dann Verschluss öffnet |
| Kritische Zone | Belichtungszeiten 1/30 s bis 2 s (Resonanzbereich des Kamerakörpers) |
| Bedienung | Kamera-Menü + Fernauslöser oder Selbstauslöser (2 s) |
| Kombination | Stativ + Fernauslöser + SVA = minimale Erschütterung |
| Effekt | Schärfezuwachs von bis zu 10 % bei kritischen Zeiten |
Die Spiegelbewegung in einer DSLR ist kein stilles Ereignis. Der Spiegel klappt mit einigen Millisekunden Anlaufzeit hoch und überträgt dabei Vibrationen auf den gesamten Kamerakörper. Bei kurzen Zeiten (über 1/500 s) ist das Bild verwischt, bevor die Schwingung ankommt; bei sehr langen Zeiten (über 4 s) hat sich die Schwingung bereits gelegt. Im Bereich von 1/30 s bis 2 s ist die Frequenz der Kameravibrationen jedoch genau so unglücklich, dass das Bild trotz Stativ unscharf wird. Genau hier setzt der SVA an.
Warum spiegellose Kameras keinen SVA brauchen
Spiegellose Systemkameras (DSLM) haben keinen mechanischen Spiegel. Der Verschluss öffnet direkt, ohne vorherige Spiegelbewegung. Das macht SVA obsolet – dafür kann dort der erste Verschlussvorhang durch einen elektronischen Vorhang ersetzt werden, was ebenfalls Schwingungen reduziert (EFCS, Electronic Front-Curtain Shutter). Bei manchen spiegellosen Kameras ist sogar der vollständig elektronische Verschluss möglich.
SVA in der Praxis anwenden
Aktivierung
Du findest die Funktion meist unter «Benutzerdefinierte Funktionen» oder direkt im Aufnahmemenü deiner DSLR. Aktiviere SVA. Beim ersten Drücken des Auslösers (oder Fernauslösers) klappt der Spiegel hoch – der Sucher wird schwarz. Beim zweiten Drücken öffnet der Verschluss und belichtet.
Fernauslöser zwingend
Das Drücken des Auslösers mit dem Finger überträgt selbst neue Vibrationen auf das Stativ. Nutze deshalb immer einen Fernauslöser (Kabel oder Funk) oder den 2-Sekunden-Selbstauslöser als Notlösung. Erst dann bringt SVA seinen vollen Nutzen.
Welche Situationen profitieren?
- Makrofotografie: Schon Millimeterverschiebungen zerstören die Schärfe. SVA ist hier Pflicht.
- Landschaft bei 1/15 s – 1 s: Genau der kritische Resonanzbereich. Stativ plus SVA plus Fernauslöser ergibt maximale Schärfe.
- Astronomie und Mondaufnahmen: Lange Teleobjektive verstärken Vibrationen; SVA kompensiert diesen Hebeleffekt.
- Architektur (innen): Abgedunkelte Räume erfordern lange Zeiten; harte Linien machen Bewegungsunschärfe sofort sichtbar.
SVA und kritische Belichtungszeiten
Faustregel: Unter 1/500 s brauchst du keinen SVA (Spiegel klappt nach der Belichtung). Über 4 s ist die Schwingung vor Verschlussöffnung bereits abgeklungen – hier bringt SVA kaum Mehrwert, ist aber auch nicht schädlich. Im Bereich 1/30 s bis 2 s ist SVA am wirkungsvollsten. Bei dieser Zeitspanne schwingt der Kamerakörper noch, wenn der Verschluss öffnet – und genau das verhindert der SVA.
Häufige Fragen
Brauche ich SVA, wenn mein Objektiv einen Bildstabilisator hat?
Der Bildstabilisator kompensiert Handverwackeln, nicht aber die kurzen, hochfrequenten Vibrationen durch den Spiegelschlag. Schalte den Stabilisator auf dem Stativ aus und nutze SVA – das ergibt die schärfsten Bilder.
Kann ich SVA mit dem Serienbildmodus kombinieren?
Nein. SVA ist für Einzelbilder gedacht. Im Serienbildmodus verbleibt der Spiegel hochgeklappt (Serienspiegelruhemodus), was eine ähnliche Wirkung hat, aber anders gesteuert wird.
Wie erkenne ich, ob mein Bild Spiegelvibrationen hatte?
Zoome bei 100 % in scharfe Kanten. Siehst du ein doppeltes Bild oder eine leichte Bewegungsunschärfe in Richtung der Kameraschwingung (meist vertikal), war der Spiegel das Problem.
Ist der Sucher während SVA nutzbar?
Nein. Sobald der Spiegel oben ist, fällt kein Licht in den optischen Sucher – er bleibt schwarz bis nach der Aufnahme. Nutze stattdessen Live View, falls du die Komposition noch anpassen möchtest.
Gibt es SVA bei kompakten Systemkameras?
Nicht in der klassischen Form. Spiegellose Kameras nutzen EFCS (Electronic Front-Curtain Shutter) als funktionales Äquivalent – dieser dämpft Vibrationen des mechanischen ersten Verschlussvorhangs.
Fazit
Der Spiegelvoranschlag ist eine einfache, aber hochwirksame Funktion. Wer mit DSLR auf Stativ im kritischen Zeitbereich fotografiert, sollte ihn zusammen mit einem Fernauslöser zur Routine machen. Das kostet nichts ausser ein paar Sekunden pro Aufnahme – und gibt dir messbar schärfere Bilder.
Quellen
- Roger N. Clark: Photography & Astrophotography – Lens and Camera Testing – Vibrationsanalyse bei DSLR-Auslösungen.
- Sidney F. Ray: Applied Photographic Optics, 3. Aufl. – Mechanik des Spiegel-Shutter-Systems.
- ISO 12233: Photography – Electronic still picture cameras – Resolution measurements – Schärfemessung unter Vibrationsbedingungen.
Redaktioneller Glossar-Beitrag von sinar.ch · zuletzt geprüft 2026.
