Belichtungszeit

Kurze Antwort

Die Belichtungszeit (auch Verschlusszeit) ist die Zeitdauer, während der der Kameraverschluss geöffnet ist und Licht auf den Sensor fällt – sie bestimmt, ob Bewegung eingefroren oder als Wischspur sichtbar wird, und ist einer der drei Parameter des Belichtungsdreiecks. Kurze Zeiten (1/1000 s) halten Bewegungen scharf; lange Zeiten (1 s und länger) erzeugen Lichtspuren und Wischeffekte.

Belichtungszeit auf einen Blick
Einheit Sekunden (s) oder Bruchteile: 1/4000 s bis 30 s (Kamera), Bulb (B) unbegrenzt
Steuert Lichtmenge und Bewegungsdarstellung
Teil des Belichtungsdreiecks (Blende · Verschlusszeit · ISO)
Kameramodus Tv/S = Zeitpriorität; M = Manuell
Verwacklungsgrenze Faustregel: 1 / (Äquivalentbrennweite) in Sekunden
ND-Filter-Nutzen Ermöglicht längere Zeiten bei hellem Licht

Die Belichtungszeit ist der direkteste Regler für Bewegung im Bild. Kein anderer Parameter entscheidet so klar zwischen «scharf eingefroren» und «fliessend verwischt». Gleichzeitig ist sie durch die Verwacklungsgrenze limitiert – wer unter 1/60 s ohne Stativ fotografiert, riskiert ungewollte Unschärfe durch eigene Kamerabewegung. Wer diese Grenzen kennt und bewusst überschreitet, nutzt die Belichtungszeit als gestalterisches Mittel.

Blenden- & Belichtungsrechner

Wähle eine Ausgangsbelichtung und eine neue Blende – der Rechner zeigt, welche Verschlusszeit die Helligkeit gleich hält.

Ausgangs-Blende
Ausgangs-Verschlusszeit
1/250

1/40001/601 s
Neue Blende
Neue Verschlusszeit für gleiche Belichtung

Nächste Standardzeit:

Lichtmenge
durch die Blende
mit neuer Blende
durch längere Zeit
So liest du es: Schliesst du die Blende um Stufen, fehlt Licht – die gleiche Menge holst du über eine längere Verschlusszeit zurück (Belichtungsdreieck).

Zeiten für typische Situationen

Sehr kurze Zeiten (1/1000 s – 1/4000 s)

Einfrieren schneller Bewegungen: Sportler in der Luft, Wasserspritzer, Rennwagen. Bei Sonnenlicht kein Problem; bei schlechtem Licht muss die Blende offen oder ISO erhöht werden. Viele Sportfotografen arbeiten mit 1/1000–1/2000 s als Minimum.

Mittlere Zeiten (1/60 s – 1/500 s)

Alltagsbereich für Reportage, Porträt, Street. 1/125 s ist der klassische Kompromiss für handhaltbar-scharfe Bilder bei normalen Brennweiten. Die Verwacklungsgrenze liegt bei 1/Brennweite – mit einer 85-mm-Linse also ca. 1/85 s, besser 1/125 s.

Lange Zeiten (1/4 s – 30 s)

Langzeitbelichtung: fliessendes Wasser, Lichtspuren von Autos, Sternenhimmel-Trails, Nachtarchitektur. Immer mit Stativ und Fernauslöser oder Selbstauslöser-Delay, um Erschütterungen beim Auslösen zu vermeiden.

Bulb (B)

Der Verschluss bleibt geöffnet, solange du den Auslöser gedrückt hältst (oder der Fernauslöser gesperrt ist). Für Belichtungszeiten über 30 s – z. B. Astrofotografie mit mehrminütigen Belichtungen oder Lichtmalerei.

1/4000 s1/500 s1/60 s1 s30 sSportReportagePorträtWasserSternekurze Zeit (einfrieren) → lange Zeit (verwischen)
Von 1/4000 s (Sport, Einfrieren) bis 30 s (Langzeitbelichtung, Wischeffekte) – die Belichtungszeit ist der direkte Regler für die Bewegungsdarstellung im Bild.

Bewegungsunschärfe kreativ nutzen

  • Fliessendes Wasser: 1/4 s – 2 s auf einem Stativ erzeugen seidiges, weiches Wasser. Ohne Stativ: verwackelt. ND-Filter ermöglicht auch tagsüber lange Zeiten.
  • Lichtspuren (Autos, Züge): 5–30 s bei Dämmerung oder Nacht – rote und weisse Lichtspuren zeichnen Bewegungswege im Bild.
  • Panning (Mitziehen): Kamera mitbewegen während langer Zeit (1/30–1/60 s) – Motiv (Auto, Radfahrer) scharf, Hintergrund als Wischstrahl.
  • Lichtmalerei: Bulb-Modus, dunkler Raum – mit Taschenlampe vor der Kamera malen. Belichtung endet erst beim Loslassen des Auslösers.

Häufige Fragen

Was ist die Verwacklungsgrenze?

Die Faustregel: Belichtungszeit mindestens 1/Brennweite. Mit einem 200-mm-Tele also 1/200 s oder kürzer; mit 50 mm mindestens 1/50 s. Bildstabilisator (IS, OIS, IBIS) erweitert das um 3–5 Stufen – erlaubt z. B. 1/15 s statt 1/50 s.

Warum brauche ich bei langen Zeiten ein Stativ?

Unter 1/60 s übersteigt die Kamerabewegung durch Atmen und Pulschlag die Schärfegrenze. Ein Stativ eliminiert diese Bewegung; der Fernauslöser (oder 2-Sekunden-Selbstauslöser) verhindert Erschütterungen beim Drücken des Auslösers.

Warum wird das Bild heller, wenn ich die Zeit verlängere?

Mehr Zeit = mehr Licht auf dem Sensor. Das Belichtungsdreieck ist das Gleichgewicht: Verdoppelst du die Belichtungszeit (+1 Stufe), fällt doppelt so viel Licht auf den Sensor. Zum Ausgleich schliess die Blende um 1 Stufe oder senke den ISO um 1 Stufe.

Welche Belichtungszeit für Video (180°-Regel)?

Im Video gilt die 180°-Shutter-Regel: Belichtungszeit ≈ doppeltes der Bildrate. Bei 25 fps also 1/50 s; bei 50 fps 1/100 s. Das erzeugt natürliche Bewegungsunschärfe – kürzere Zeiten wirken «strobelight», längere unnatürlich verschwommen.

Was ist der Unterschied zwischen Zeitpriorität (Tv/S) und manuellem Modus?

In der Zeitpriorität (Tv bei Canon, S bei Nikon) wählst du die Belichtungszeit, die Kamera bestimmt Blende und ISO automatisch. Im manuellen Modus (M) steuerst du alle drei Parameter selbst. Für Langzeitbelichtung und Nachtfotografie ist der manuelle Modus klarer.

Fazit

Die Belichtungszeit ist nach der Blende der zweitmächtigste kreative Regler in der Fotografie. Wer weiss, wann er einfriert und wann er bewusst verwischt, hat die Bildgestaltung im Griff. Nutze den Rechner oben, um Belichtungsänderungen schnell zu kalkulieren – und das Histogramm als Kontrollinstanz bei jeder Langzeitbelichtung.

Quellen

  1. Sidney F. Ray: Applied Photographic Optics, 3. Aufl. – Belichtungsdreieck und Zeitkontrolle.
  2. ISO 12232: Photography – Digital Still Cameras – Determination of Exposure Index – Normierung von Belichtungsparametern.
  3. Michael Freeman: The Photographer’s Eye – Kreative Anwendungen von Belichtungszeit und Bewegungsdarstellung.

Redaktioneller Glossar-Beitrag von sinar.ch · zuletzt geprüft 2026.

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