Bokeh bezeichnet die ästhetische Qualität der unscharfen Bereiche eines Fotos – nicht die Unschärfe an sich, sondern wie sie aussieht. Das japanische Wort «boke» (ぼけ) bedeutet «verschwommen» oder «Unschärfe». Ob Lichtkreise weich und cremig wirken oder kantig und nervös, hängt von Blendenform, Objektivdesign und Abstand ab – und entscheidet massgeblich über die Bildwirkung.
| Begriff | Bokeh (jap. boke = Unschärfe), engl. auch background blur |
|---|---|
| Einflussfaktoren | Blende, Brennweite, Objekt-Abstand, Anzahl Blendenlamellen, Sensor |
| Gutes Bokeh | runde, weiche Lichtscheiben; gleichmässiger Übergang, kein «Zwiebelhaut»-Ring |
| Schlechtes Bokeh | kantige Polygone, Doppelkonturen («nervous bokeh»), Farbsäume |
| Beste Objektive | Festbrennweiten f/1.2–f/2, viele Blendenlamellen (≥ 9), Apochromate |
| Sensor-Einfluss | grösserer Sensor = kürzere Schärfentiefe = stärkeres Bokeh bei gleichem Ausschnitt |
Bokeh-Qualität ist keine messbare Grösse in ISO-Normen – sie ist Geschmacks- und Gestaltungssache. Trotzdem gibt es klare physikalische Ursachen: die Blendenform beeinflusst die Form der Lichtscheiben, chromatische Aberrationen erzeugen Farbsäume, und mangelnde sphärische Korrektur führt zu «Zwiebelhaut»-Ringen. Hochwertige Objektive minimieren diese Störungen.
Schärfentiefe-Rechner
Stell Sensor, Brennweite, Blende und Abstand ein – und sieh sofort, wie gross der scharfe Bereich wird.
Die Physik hinter dem Bokeh
Jeder Lichtpunkt ausserhalb der Fokusebene wird auf dem Sensor zu einem Kreis projiziert – dem Zerstreuungskreis. Ist er klein genug, erscheint er dem Auge als Punkt (= scharf). Liegt er darüber, siehst du ihn als unscharfe Scheibe. Diese Scheibe – ihr Aussehen, ihre Randschärfe, ihre Farbe – ist Bokeh.
Bokeh-Qualität: weich vs. nervös
Was gutes Bokeh ausmacht
Gutes Bokeh hat gleichmässig helle, runde Lichtscheiben ohne Doppelkonturen. Der Übergang von scharf zu unscharf ist sanft, keine abrupten Kanten. Viele hochwertige Porträtobjektive – Zeiss Otus, Sony G Master, Canon L – optimieren bewusst für cremiges Bokeh.
Was nervöses Bokeh erzeugt
- Wenige Blendenlamellen: Sechseckige oder oktagonale Lichtscheiben statt runder.
- Doppelkonturen: Heller Ring am Rand der Zerstreuungskreise («Soap Bubble Bokeh») – oft bei älteren Konstruktionen.
- Chromatische Aberrationen: Farbsäume (grün/lila) um die Scheiben, besonders bei alten Objektiven.
- Sphärische Überkorrektur: Erzeugt «harte» Bokeh-Scheiben mit starken Rändern.
Die vier Stellschrauben
1. Blende
Offene Blende (f/1.4, f/1.8, f/2.8) erzeugt den grössten Zerstreuungskreis und damit das stärkste Bokeh. Bei f/8 werden Lichtpunkte im Hintergrund bereits deutlich kleiner und das Bokeh nimmt ab – die Schärfentiefe wächst.
2. Brennweite
Längere Brennweiten «komprimieren» den Raum: Hintergrund und Vordergrund rücken optisch zusammen, was die Unschärfe des Hintergrunds verstärkt. Ein 85 mm f/1.8 erzeugt bei gleichem Ausschnitt cremigeres Bokeh als ein 35 mm f/1.8.
3. Motivabstand und Hintergrundabstand
Je näher du am Motiv bist und je weiter der Hintergrund entfernt ist, desto stärker das Bokeh. Porträt dicht heran, Hintergrund weit weg – klassische Kombination für maximale Freistellung.
4. Sensor und Objektivdesign
Vollformat-Sensoren liefern bei gleichem Ausschnitt kürzere Schärfentiefe als APS-C oder MFT. Das Objektivdesign (Anzahl Lamellen, optische Korrekturen) entscheidet über die Form und Glätte der Zerstreuungskreise.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Bokeh und Schärfentiefe?
Schärfentiefe beschreibt den Abstandsbereich, der scharf abgebildet wird. Bokeh beschreibt die ästhetische Qualität der unscharfen Zone. Zwei Objektive mit identischer Schärfentiefe können sehr unterschiedliches Bokeh liefern.
Welches Objektiv erzeugt das beste Bokeh?
Festbrennweiten mit vielen Blendenlamellen (9–11), grosser Öffnung (f/1.2–f/2) und guter apochromatischer Korrektur liefern in der Regel das cremigste Bokeh. Klassiker: 85 mm f/1.4, 50 mm f/1.2, 135 mm f/2.
Kann ich Bokeh in der Nachbearbeitung imitieren?
Warum hat Bokeh manchmal sechseckige Lichtpunkte?
Weil die Blende nur sechs Lamellen hat. Die Lichtpunkte spiegeln die Blendenform. Mit neun oder mehr gerundeten Lamellen entstehen runde Scheiben – ein Merkmal vieler Premiumobjektive.
Ist «Soap Bubble Bokeh» gut oder schlecht?
Das ist Geschmackssache. Einige alte Helios- oder Trioplan-Objektive erzeugen bewusst diesen Wirbelboekh-Effekt, der in der Kunstfotografie gezielt eingesetzt wird. Für klassische Porträts gilt er als störend.
Fazit
Bokeh ist kein Zufall – es ist das Ergebnis von Objektivdesign, Blendenstellung, Brennweite und Motivabstand. Wer diese vier Faktoren versteht und mit dem Rechner oben die Schärfentiefe prüft, plant Freistellungen und Bokeh-Charakter bewusst ein, statt auf Glück zu hoffen. Gutes Bokeh lenkt die Aufmerksamkeit aufs Wesentliche und verleiht dem Bild Ruhe – schlechtes Bokeh zerstreut sie.
Quellen
- Sidney F. Ray: Applied Photographic Optics, 3. Aufl. – Zerstreuungskreis, Blendengeometrie und Bildqualität.
- H. M. Merklinger: The Ins and Outs of Focus – Schärfeverteilung und Unschärfe-Mechanismus.
- ISO 12233 – Norm zur Auflösungs- und Schärfemessung in der digitalen Fotografie.
Redaktioneller Glossar-Beitrag von sinar.ch · zuletzt geprüft 2026.
