Zerstreuungskreis

Kurze Antwort

Der Zerstreuungskreis ist der grösste Lichtfleck, der im Bild noch als scharfer Punkt wahrgenommen wird. Er bestimmt, wo Schärfe endet und Unschärfe beginnt. Je kleiner sein tolerierter Durchmesser, desto enger wird die Schärfentiefe definiert – und desto strenger bewertet das System die Fokuspräzision.

Zerstreuungskreis auf einen Blick
Auch genannt CoC, Circle of Confusion (engl.)
Einheit Millimeter (mm), Durchmesser des Lichtflecks
Vollformat-Richtwert 0,029–0,030 mm (nach Merklinger und CIPA)
APS-C-Richtwert ~0,019–0,020 mm
Kleiner CoC engere Schärfentiefe, höhere Anforderung an Fokuspräzision
Grösser CoC tolerantere Schärfentiefe, weniger Fokuspräzision nötig
Abhängig von Sensorgrösse, Vergrösserung, Betrachtungsabstand

Der Zerstreuungskreis ist keine absolute Grösse, sondern ein Wahrnehmungsmass. Wenn du ein Bild auf einem 30-cm-Monitor betrachtest, akzeptierst du grössere Unschärfen als beim 1-Meter-Grossformat-Druck. Schärfentiefe-Rechner und Tiefenschärfe-Tabellen basieren deshalb immer auf einem festgelegten CoC-Richtwert – typischerweise Brennweite/1500 für die jeweilige Sensorgrösse.

Schärfentiefe-Rechner

Stell Sensor, Brennweite, Blende und Abstand ein – und sieh sofort, wie gross der scharfe Bereich wird.

Sensorgrösse
50 mm

1685200
Motivabstand
3,0 m

0,31020 m
KameraFokusfern
ab hier scharf
Ferngrenze
bis hier scharf
Hyperfokaldistanz
scharf bis unendlich
Hinweis: Die Werte beruhen auf üblichen Zerstreuungskreisen (Vollformat 0,03 mm) und gelten als Richtwert für die Bildplanung.

Wie der Zerstreuungskreis entsteht

Jede Linse kann exakt eine Entfernungsebene scharf abbilden – die Fokusebene. Punkte davor und dahinter werden als winzige Kreise auf dem Sensor abgebildet. Solange diese Kreise kleiner bleiben als der festgelegte CoC-Schwellenwert, nennen wir sie «scharf». Überschreiten sie die Grenze, erkennt das Auge Unschärfe. Der Zerstreuungskreis ist also das Bindeglied zwischen Optik und menschlicher Wahrnehmung.

FokusebeneCoC vor FokusCoC hinter FokusMotiv vor FokusMotiv hinter Fokus
Punkte ausserhalb der Fokusebene werden als Kreise auf dem Sensor abgebildet. Solange der Kreis kleiner als der CoC-Schwellenwert bleibt, gilt er als «scharf».

CoC und Sensorgrösse

Warum Vollformat einen anderen CoC hat

Ein Vollformatsensor (36 × 24 mm) liefert bei gleichem Bildausschnitt eine grössere Abbildung als APS-C. Damit ein Punkt auf dem grösseren Sensor genauso «scharf» wirkt wie auf dem kleinen, darf der CoC absolut gesehen grösser sein. Dennoch muss man bei gleichem Bildausschnitt eine engere Blende oder grösseren Abstand wählen, um die gleiche Schärfentiefe zu erreichen – weil der Vergrösserungsmassstab beim späteren Druck kleiner ausfällt.

Richtwerte nach Sensorgrösse

  • Vollformat (35 mm): CoC 0,030 mm – gängigster Rechner-Standard.
  • APS-C (Canon, ~22 × 15 mm): CoC ~0,019 mm (Cropfaktor 1,6).
  • APS-C (Sony/Nikon, ~24 × 16 mm): CoC ~0,020 mm (Cropfaktor 1,5).
  • Micro Four Thirds (17 × 13 mm): CoC ~0,015 mm (Cropfaktor 2).
  • Grossformat 4×5″: CoC ~0,100 mm – wegen sehr grossem Sensor und entsprechend kleinerem Vergrösserungsmassstab.

CoC in der Praxis

Schärfentiefe-Rechner verstehen

Wenn du im Rechner oben den Sensor wechselst, siehst du direkt, wie sich die Schärfentiefe ändert – nicht weil die Optik anders wäre, sondern weil der CoC-Richtwert sinkt. Ein kleinerer CoC-Wert bedeutet, dass weniger Unschärfe toleriert wird, und die Naheinstellgrenze rückt näher an die Fokusebene heran.

Fokus-Stacking und CoC

In der Makrofotografie ist der CoC so entscheidend, dass schon ein Millimeter Abstandsfehler zum Ausschuss führt. Fotografen überlagern deshalb mehrere Aufnahmen mit leicht versetztem Fokus (Focus Stacking). Jedes Einzel-Frame hat nur einen winzigen scharf erscheinenden Bereich – erst die Summe ergibt das fertige Bild.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen CoC und Bokeh?

Der Zerstreuungskreis beschreibt die tolerierte Unschärfe im Schärfebereich. Bokeh ist die subjektiv wahrgenommene Qualität unscharfer Hintergrundpunkte ausserhalb der Schärfezone. CoC ist ein technischer Schwellenwert; Bokeh ist Ästhetik.

Warum liefern verschiedene Rechner unterschiedliche Schärfentiefe-Werte?

Weil sie unterschiedliche CoC-Richtwerte verwenden. Ein Rechner mit CoC 0,025 mm gibt eine engere Schärfentiefe aus als einer mit 0,030 mm. Für Vergleiche immer denselben Rechner mit denselben CoC-Einstellungen nutzen.

Beeinflusst die Pixelzahl des Sensors den CoC?

Indirekt ja. Mit mehr Megapixeln werden Bilder stärker vergrössert oder auf grössere Ausgabeformate gedruckt – das macht Unschärfen sichtbarer. Für hochauflösende Sensoren empfehlen viele Experten einen strengeren CoC-Wert (z. B. 0,025 mm statt 0,030 mm).

Stimmt die Formel r = d / (2 × f) für den CoC?

Diese Näherungsformel beschreibt die geometrische Grösse des Zerstreuungskreises in Abhängigkeit von Bildgrösse und Brennweite. Sie ist für das konzeptuelle Verständnis nützlich, berücksichtigt aber weder Beugungseffekte noch Betrachtungsabstand. Für die Bildplanung sind Rechner zuverlässiger.

Wie wirkt sich Beugung auf den CoC aus?

Bei sehr kleinen Blenden (f/16 und enger) entsteht Beugungsunschärfe, die den effektiven Zerstreuungskreis vergrössert – selbst im Fokuspunkt. Das Optimum aus Schärfentiefe und Detailauflösung liegt daher meist bei f/8–f/11.

Gilt der CoC auch beim Video?

Ja, aber die Betrachtungsbedingungen sind andere. Videos werden oft auf grösseren Bildschirmen aus grösserem Abstand gesehen – das erlaubt einen etwas grosszügigeren CoC. Viele Kamerahersteller rechnen intern mit einem CoC-Wert, der an die jeweilige Videoauflösung angepasst ist.

Fazit

Der Zerstreuungskreis ist das unsichtbare Mass hinter jeder Schärfentiefe-Berechnung. Wer versteht, dass Schärfe keine harte Grenze ist, sondern ein Wahrnehmungsschwellenwert, plant Aufnahmen präziser: vom richtigen CoC-Wert im Rechner bis zum bewussten Einsatz von Focus Stacking in der Makrofotografie.

Quellen

  1. H. M. Merklinger: The Ins and Outs of Focus – Grundlagen zu Zerstreuungskreis und Hyperfokaldistanz.
  2. Sidney F. Ray: Applied Photographic Optics, 3. Aufl. – optische Theorie und CoC-Berechnung.
  3. CIPA DC-004: Guideline for Depth of Field Indication – Industriestandard für CoC-Richtwerte.

Redaktioneller Glossar-Beitrag von sinar.ch · zuletzt geprüft 2026.

Schreib einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.