Ein Apochromat (kurz APO) ist ein optisches System, das drei Wellenlängen – typischerweise Rot, Grün und Blau – auf exakt denselben Fokuspunkt vereint und so chromatische Aberrationen auf ein minimum reduziert. Gegenüber einem einfachen Achromaten (zwei Wellenlängen korrigiert) liefert der Apochromat messbar weniger Farbsäume und eine schärfere, kontrastreichere Abbildung.
| Korrigierte Wellenlängen | 3 (APO) vs. 2 (Achromat) – typisch Rot 656 nm, Grün 546 nm, Blau 486 nm |
|---|---|
| Materialien | ED-Glas (Extra-low Dispersion), Fluorit, anomal-dispersive Sondergläser |
| Abkürzung | APO, APO-Telyt, APO-Sonnar, APO-Macro o. ä. |
| Gegenbegriff | Achromat (2 Wellenlängen), Semiapoochromat (2,5 Wellenlängen) |
| Typische Anwendung | Tele-/Makroobjektive, Mikroskope, Astronomie-Fernrohre |
| Nachteil | Aufwendige Konstruktion, höheres Gewicht, höherer Preis |
Farbsäume an Kanten, lila Konturen um helle Äste vor hellem Himmel – chromatische Aberration stört besonders bei Aufnahmen mit hohem Kontrast. APO-Objektive lösen dieses Problem durch spezielle Glassorten, die Licht unterschiedlicher Wellenlängen gleich stark brechen. Das macht sie teurer, aber in der Tele- und Makrofotografie oft unverzichtbar.
Was chromatische Aberration bedeutet
Normale Linsen brechen blaues Licht stärker als rotes. Deshalb kommen verschiedene Farben in leicht unterschiedlichen Ebenen zum Fokus – Rot etwas weiter hinten, Blau etwas weiter vorne. Im Bild sieht man das als farbige Säume an Hochkontrastkanten: lila oder cyan auf einer Seite, rot oder grün auf der anderen. Die Erscheinung heisst laterale chromatische Aberration (CA) an den Bildrändern und longitudinale CA (axiale Farbfehler) entlang der optischen Achse.
Ein Achromat (zwei Linsen aus verschiedenem Glas kombiniert) bringt zwei Wellenlängen zum gemeinsamen Fokus. Für einfache Anwendungen reicht das. Bei langen Brennweiten, Makroabbildungen oder engem Toleranzspielraum fällt der verbleibende Farbfehler auf – dort braucht es den Apochromaten.
Materialien: Was APO-Gläser besonders macht
Apochromaten nutzen Gläser mit «anomaler Teildispersion» – das heisst, der Brechungsindex ändert sich über das Spektrum anders als bei Normalglas. Klassische Beispiele:
- ED-Glas (Extra-low Dispersion): Industriestandard bei Canon (UD), Nikon (ED), Sony (ED/Super-ED). Günstig herzustellen, gute APO-Korrektur.
- Fluorit (CaF₂): Natürliches oder synthetisches Kalziumfluorid, sehr niedrige Dispersion; Canon verwendet es in L-Superteleobjektiven, Zeiss in Mikroskopen. Teuer und empfindlich.
- Schott SD/SLD-Gläser: Spezialgläser von Schott, Ohara oder Hoya, die ED-Werte ähnlich wie Fluorit erreichen, aber robuster sind.
Apochromate in der Praxis
Tele- und Supertele-Objektive
Lange Brennweiten verstärken chromatische Aberration, weil das Licht mehr Glasweg zurücklegt. APO-Konstruktionen sind in Tele-Objektiven (ab etwa 300 mm) Standard bei professionellen Linien – Canon L mit Fluorit, Nikon AF-S ED, Sony GM, Sigma Sport APO, Zeiss Milvus. Die Korrektur zahlt sich besonders bei offener Blende aus: Kein lila Bokeh-Rand am Vordergrund, kein grüner Saum im Hintergrund.
Makroobjektive
Im Makro wirken axiale CA (longitudinale Farbfehler) besonders störend: Der Fokus trennt Rot und Blau räumlich – was gerade aus dem Fokus tritt, bekommt einen Farbrand. APO-Makros (z. B. Sigma 105 mm APO Macro, Zeiss Milvus 100 mm) minimieren diesen Effekt, was sauberere Freistellungen und weniger Nachbearbeitungsaufwand bedeutet.
Astronomie und Mikroskopie
In der Astrofotografie sind APO-Refraktoren der Standard für farbfehlergenaue Planeten- und Deep-Sky-Aufnahmen. In Forschungsmikroskopen ist die APO-Korrektion Pflicht, weil jede Wellenlänge exakt die gleiche Vergrösserung liefern muss – sonst erscheint ein Zellkern farbig umrandet.
APO erkennen: Was bedeutet das Kürzel?
Nicht jedes Objektiv mit dem Aufdruck «APO» ist nach derselben strengen Definition korrigiert. Der Begriff ist nicht genormt. Hochwertige Hersteller legen eigene Kriterien fest; ein Vergleich der MTF-Kurven bei verschiedenen Wellenlängen zeigt, ob die Korrektur konsequent durchgezogen ist. Praxistipp: Schreibe auf einer Test-Chart (ISO 12233) bei offener Blende – sieht man violette oder cyan Säume, reicht die APO-Korrektur nicht ans Versprechen heran.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Achromat und Apochromat?
Ein Achromat korrigiert zwei Wellenlängen (Rot und Blau), ein Apochromat drei (Rot, Grün, Blau). Der verbleibende Restfehler beim Achromaten heisst «sekundäres Spektrum» und ist beim Apochromaten auf einen Bruchteil reduziert.
Brauche ich zwingend ein APO-Objektiv?
Bei Brennweiten unter 100 mm und moderatem Kontrast reicht ein gutes Nicht-APO-Objektiv völlig. Bei langen Teleobjektiven und Makroarbeit zahlt sich die Investition aus, weil die Nachbearbeitungszeit für CA-Korrekturen stark sinkt und die Abbildung offenblendiger ist.
Kann ich chromatische Aberration im RAW-Konverter beheben?
Laterale CA (Randverschiebung der Farben) lässt sich im RAW-Konverter (Lightroom «Farbsaum entfernen» / automatisch) fast vollständig korrigieren. Axiale CA (Farbhöfe vor/hinter dem Fokus) ist schwieriger digital zu beseitigen – hier hilft ein APO-Objektiv wirklich.
Welche Hersteller bauen APO-Objektive?
Alle grossen Hersteller haben APO-Linien: Canon (L-Serie mit UD/Fluorit), Nikon (AF-S ED/EDIF), Sony (GM mit Super-ED), Sigma (Art/Sport APO), Tamron (LD/XLD), Zeiss (Milvus APO), Leica (APO-Summicron). Auch Astro-Spezialisten wie Takahashi, APM und William Optics fertigen APO-Refraktoren.
Sind APO-Objektive immer lichtstärker?
Nein – Lichtstärke und APO-Korrektur sind unabhängige Eigenschaften. Ein APO kann f/5.6 sein, ein Nicht-APO f/1.4. Die APO-Korrektur verbessert die Abbildungsqualität über das Spektrum, beeinflusst die maximale Öffnung aber nicht direkt.
Lohnt sich ein APO-Objektiv für die Reisefotografie?
Wenn du mit langer Brennweite (200 mm+) arbeitest und viel Kontrast (Blätter vor Himmel, Tiere im Gegenlicht), ja. Für Allround-Reisefotografie mit kurzen bis mittleren Brennweiten sind moderne Nicht-APO-Objektive mit guter digitaler CA-Korrektur meist ausreichend.
Fazit
Apochromate sind in der Tele- und Makrofotografie das Werkzeug, wenn Farbsäume stören und die Abbildung auch bei offener Blende gestochen scharf sein muss. Die Investition in ED-Glas oder Fluorit zahlt sich durch weniger Nachbearbeitung und souveränere Freistellung aus. Wer unter 100 mm bleibt, kommt oft ohne APO aus – doch für ernsthafte Wildtier-, Sport- oder Makrofotografie ist der Mehrwert 2026 klar messbar und sichtbar.
Quellen
- Sidney F. Ray: Applied Photographic Optics, 3. Aufl. – Kapitel Chromatische Aberration, Achromat und Apochromat.
- Rudolf Kingslake / R. Barry Johnson: Lens Design Fundamentals, 2. Aufl. – Dispersion, anomale Teildispersion und APO-Konstruktionen.
- ISO 10110 – Norm zur Beschreibung optischer Elemente und Systeme (Aberrationsklassifikation).
Redaktioneller Glossar-Beitrag von sinar.ch · zuletzt geprüft 2026.
