Lens Flares sind optische Artefakte, die entstehen, wenn Streulicht direkt in das Objektiv fällt, an Linsen und Blenden reflektiert wird und dabei geometrische Lichtmuster – Kreise, Bogen, Sechsecke oder Lichtstrahlen – im Bild erzeugt. Ursprünglich als Fehler bekämpft, gelten Lens Flares heute als visuelles Stilmittel – sofern du weisst, wie du sie steuerst.
| Entstehung | Reflexion und Streuung an Linsenoberflächen bei direktem Lichteinfall |
|---|---|
| Typische Formen | Kreise, Sechsecke (Blendenform), Sonnenstrahl, Lichtschleier |
| Auslöser | Sonne, Scheinwerfer, Strahlenscheinwerfer im oder nahe am Bildwinkel |
| Verstärkend | offene Blende, alte oder unvergütete Objektive, kein Filtergewinde |
| Reduzierend | Gegenlichtblende, mehrteilige Vergütung (MRC), Polfilter, Abschirmen |
| Kontrolle | Kameraposition, Abschirmung per Hand/Karte, Blende abblenden |
| Digital erzeugt | Photoshop, After Effects, DaVinci Resolve – als Compositing-Layer |
Wenn Licht auf eine Linsenoberfläche trifft, transmittiert ein Teil, reflektiert ein kleiner Rest. Bei modernen Objektiven mit 15–20 Elementen addieren sich diese Reflexionen. Fällt starkes Licht direkt in die Linse, übersteuern einzelne Reflexionen – und werden als Lens Flares sichtbar. Die Blende des Objektivs spiegelt sich dabei als charakteristische geometrische Form: Sechskantige Blende ergibt hexagonale Flare-Muster, runde Irisblende erzeugt Kreise.
Vergütung: der wichtigste Gegenmotor
Moderne Objektive tragen Mehrschichtvergütungen (MRC, Super Integrated Coating, Nano Crystal): dünne Schichten aus Magnesiumfluorid oder anderen Materialien, die Oberflächenreflexion von 4–5 % auf unter 0,1 % pro Fläche senken. Ein vergütetes 10-Element-Objektiv produziert damit deutlich weniger Lens Flares als ein unvergütetes Vintage-Glas aus den 1960er Jahren.
Gegenlichtblende
Die Streulichtblende (Sonnenblende) ist das einfachste Hilfsmittel. Sie blockiert schräges Licht ausserhalb des Bildwinkels, das sonst auf die vordere Linse träfe. Für Zooms gibt es rechteckige Petal-Blenden, die den Bildwinkelbereich optimal abdecken ohne unnötig zu verdunkeln.
Lens Flares gezielt einsetzen
Natürliche Flares erzeugen
Schwenke die Kamera, bis die Lichtquelle gerade am Rand des Bildfeldes liegt. Öffne die Blende (f/1.4–f/2.8) für weiche, runde Flares; blende ab auf f/8–f/16 für Sonnensterne mit scharfen Strahlen. Die Anzahl der Strahlen entspricht der Lamellenanzahl der Blende – oder dem Doppelten bei ungerade lamelliger Iris.
Blende und Flareverhalten
- Offene Blende (f/1.4–f/2.8): weicher Lichtschleier, sanfte Kreise, angenehmes Haze-Gefühl.
- Mittlere Blende (f/5.6–f/8): klare hexagonale oder kreisförmige Artefakt-Kette.
- Kleine Blende (f/11–f/16): ausgeprägte Strahlen-Sterne, minimaler Schleier.
Lens Flares in der Postproduktion
Wer in der Nachbearbeitung Lens Flares hinzufügen möchte, nutzt Plugins wie Knoll Light Factory, Video Copilot Optical Flares oder die integrierte Lens-Flare-Funktion von Photoshop (Filter → Rendern → Blendenflecken). In DaVinci Resolve und After Effects lassen sich hochauflösende Flare-Assets als Compositing-Layer einbetten. Wichtig: Passe Position und Farbtemperatur der Lichtquelle im Bild an, damit der digitale Flare glaubhaft wirkt.
Häufige Fragen
Wie vermeide ich ungewollte Lens Flares?
Verwende eine gut sitzende Gegenlichtblende, überprüfe den Kamerawinkel zur Lichtquelle und schirme mit einer Kartonkarte oder der freien Hand ab. Hochwertige Vergütung am Objektiv reduziert Flares deutlich.
Können Lens Flares die Bildschärfe reduzieren?
Ja. Ein starker Lichtschleier (Haze) senkt den Kontrast und macht Details in den betroffenen Bereichen schwer erkennbar. Das ist bei Gegen- oder Seitenlichtsituationen am problematischsten.
Welche Objektive produzieren am meisten Flares?
Ältere, unvergütete Optiken (Vintage-Gläser vor 1970) und einfache Objektive ohne Mehrschichtvergütung. Manche Fotografen schätzen diesen Look gerade wegen seiner analogen Wärme.
Was ist der «Anamorphic Flare»?
Anamorphe Objektive erzeugen charakteristisch horizontale blaue Lichtstriche. Dieser Effekt ist in der Filmproduktion sehr beliebt und lässt sich auch digital mit Anamorphic-Flare-Overlays simulieren.
Beeinflussen Lens Flares die Belichtungsmessung?
Ja, bei starkem Streulicht misst die Kamera höhere Helligkeit und unterbelichtet das Motiv. Bei kritischen Aufnahmen mit Gegenlicht hilft manuelle Belichtungskorrektur oder Spotmessung auf das Hauptmotiv.
Fazit
Lens Flares entstehen durch Physik – Reflexion und Streuung an Linsenoberflächen. Ob du sie als Artefakt bekämpfst oder als kreatives Stilmittel einsetzt, hängt vom Bild ab. Verstehe die Optik dahinter, dann kannst du Flares mit Kamerawinkel und Blendeneinstellung bewusst steuern – und im richtigen Moment gezielt zulassen.
Quellen
- Sidney F. Ray: Applied Photographic Optics, 3. Aufl. – Vergütung und Streulichtverhalten.
- Rudolf Kingslake: Lens Design Fundamentals – Reflexion an Linsenflächen.
- Nikon Corporation: «Understanding Lens Coatings» – technisches Whitepaper (2023).
Redaktioneller Glossar-Beitrag von sinar.ch · zuletzt geprüft 2026.
